Dienstag, 9. November 2010

Fiestas del Pilar - Zaragoza im Ausnahmezustand

In Spanien zu den Fiestas herrscht Ausnahmezustand. Im Prinzip kann man sich das als Deutscher, vor allem als Norddeutscher, gar nicht richtig vorstellen, was da so abgeht. Vielleicht ist das am ehesten noch mit dem Oktoberfest oder Fasching in Mainz und Köln vergleichbar, aber "hoch 3".

Hier hat jedes kleine Dorf seine eigenen Fiestas. Die sind im Haushaltsplan der Dorfverwaltung fest mit eingeplant. Egal ob Krise oder nicht, Fiestas sind nun mal Fiestas und die sind heilig.

Nehmen wir mal zum Beispiel, die Fiestas del Pilar. Ich lebe ja in Zaragoza und kenne daher also am besten die Feierlichkeiten hier in der Hauptstadt von Aragón. Der traditionelle Zeitraum für diese Fiestas zu Ehren der Jungfrau Maria, ist Anfang bis Mitte Oktober. Sie dauern immer neun Tage; eine Woche mit zwei Wochenenden. Innerhalb dieser Zeit ist immer was los, Tag und Nacht. Wer genug Aufputschmittel und Lust hat, kann hier neun Tage lang durchfeiern. Vor allem junge Leute legen dabei eine Energie an den Tag, das kann man sich nicht vorstellen.

Alles beginnt mit dem chupinazo - dem Start der Feierlichkeiten. Der findet ganz offiziell auf der Plaza del Pilar, vor der Kathedrale und dem Rathaus statt. Mehrere tausend (meist junge) Menschen tanzen dabei ausgelassen, trinken und begießen sich mit Wein, bis der Bürgermeister die Fiestas für eröffnet erklärt.

Danach wiederholt sich 9 Tage lang fast immer das gleiche: Partys, Konzerte, Stierkämpfe, vaquillas, Essen, Trinken, Feuerwerk, aber auch jotas (Traditionelle Tänze), ofrenda de flores und kirchliche Messen. 24 h lang. Wenn ich morgens früh um 6:45 Uhr mit dem Bus zur Arbeit fahre, ist er knacke-dicke voll mit zwei verschiedenen Gruppen, die, die von den Fiestas nach Hause fahren und die, die wieder zu den Fiestas fahren. Die wenigsten fahren zur Arbeit. 70% der maños (Zaragozaner) nehmen sich für diese Zeit Urlaub. Der Rest fährt zwar zur Arbeit, kann aber nichts oder kaum was tun, weil im Prinzip in dieser Zeit alles still steht.

Zur besseren Organisation der Fiestas haben sich viele Menschen in sogenannten Peñas zusammengeschlossen. Peñas sind private Vereine, die sich das ganze Jahr über treffen, um Veranstaltungen für die Zeit der Fiestas zu planen. Sie sind am ehesten noch mit den Karnevalsvereinen in Deutschland zu vergleichen. Partys werden organisiert, Restaurants gebucht. Geld spielt keine Rolle. Regelmäßig steigen zu den Fiestas die Preise, aber das schreckt die Menschen hier nicht davon ab einmal im Jahr so richtig ausgelassen zu feiern.

Die andere, negative Seite der Medaille soll hier aber ebenfalls nicht unerwähnt bleiben: die Fiestas del Pilar bedeuten auch regelmäßig Erkältungen und Grippe wohin man sieht, da traditionell zu dieser Zeit das Wetter hier schlagartig wechselt und den kommenden Winter ankündigt. Die Umstellung von T-Shirt auf Winterjacke bekommt nicht jeder sofort mit, dafür sorgt schon der übermäßige Alkoholgenuss.

¡Viva las Fiestas del Pilar!

Zusatz: Natürlich hat das alles einen kirchlichen Ursprung. Jedes kleine Dorf hat in Spanien seinen eigenen Dorfheiligen und wenn der Namenstag hat, denn wird gefeiert. Am beliebtesten ist im katholischen Spanien natürlich die Jungfrau Maria in allen ihren Ausprägungen. Zu Maria-Himmelfahrt (15.8.) ist hier die Hölle los. Alle feiern. Ist natürlich auch offizieller Nationalfeiertag. Auch die Virgen del Pilar (die Jungfrau von Zaragoza - Maria-Pilar) liegt einer wundersamen Marien-Erscheinung zugrunde. Auf einem pilar, zu deutsch Pfeiler, da wurde sie nämlich vor einigen Jahrhunderten gesichtet und darauf hin wurde an dieser Stelle eine Kathedrale erbaut, die noch heute einer der wichtigsten Wallfahrtorte in Spanien ist, natürlich nach Santiago de Compostella (Stichwort Jakobsweg, der auch an Zaragoza vorbeiführt). Wer nach Santiago pilgert, der macht selbstverständlich auch halt in Zaragoza.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Bezahlen und Trinkgeld

Der Spanier an sich ist ein Trinkgeldmuffel und gibt in der Regel wenig Trinkgeld. Meistens nur das Kleingeld, welches nach dem Rausgeben übrig bleibt. Selbst in Restaurants wird das so gehandhabt. Daraus sollte man aber nicht auf den Charakter schließen. Spanier sind sehr großzügig und man wird viel und oft eingeladen, selbst von Leuten, die es sich eigentlich nicht leisten können.

Auch beim Bezahlen gibt es große Unterschiede. In Deutschland wird meist in einem Akt bezahlt. Man fragt nach der Rechnung. Der Ober/Kellner bringt sie, sagt den Preis und wartet dann geduldig und mit schon geöffneter Börse, dass man ihn bezahlt. Man wird regelrecht unter Druck gesetzt. Dabei kann es schon mal verkommen, dass, wenn man eine Rechnung von 15,96 EUR bezahlen muss und nur einen Zwanziger hat, man dem drängelnden Ober aus versehen "stimmt so" zuruft und später entsetzt feststellen muss, dass man zu viel Trinkgeld gegeben hat.
Im Gegensatz dazu lässt man sich in Spanien immer das komplette Geld raus geben, der Ober geht, und erst dann entscheidet man in aller Ruhe, ob der Kellner sich sein Trinkgeld verdient hat oder nicht und wie viel. Dieses Geld lässt man dann einfach auf dem Tisch liegen, wenn man geht. Kein Druck, kein Stress und man behält immer die Oberhand.

Der nächste große Unterschied zu Deutschland ist, in Spanien bezahlt man immer zusammen. Essen oder trinken mehrere Pärchen zusammen, bezahlt entweder zum Schluss einer für alle, oder es wird zusammengelegt, bis man auf den Preis kommt. Meist bezahlt dabei jeder den gleichen Teil, egal, ob er nun ein Bier statt einem Selters hatte oder nicht. Darüber wird hinweg geguckt. Dabei wird natürlich auch nur einmal Trinkgeld gegeben.
In Deutschland dagegen bezahlt jeder für sich und jeder bezahlt auch Trinkgeld. Da freut sich der Kellner.

Ein weit verbreiteter Brauch hier in Spanien ist, einen Pott zu machen. Jeder gibt dazu die gleiche Menge Geld in einen imaginären Pott und dann wird Tapern oder Trinken gegangen und alles mit diesem Geld bezahlt. Wenn jemand aus der Gruppe nur maximal 15 EUR ausgeben will, dann bezahlen alle 15 EUR und wenn nichts mehr da ist, dann sind die, die nicht mehr ausgeben wollen raus und der Rest legt noch mal was nach, was relativ häufig geschieht, denn die Nächte in Spanien sind lang.

Dienstag, 31. August 2010

Der Spanier und sein Auto

Für den Spanier im Allgemeinen ist das Auto ein Fortbewegungsmittel, ein Gebrauchsgegen-stand, weniger ein Statussymbol, und so werden Autos auch (miss-)behandelt. Der Spanier rennt nicht wegen jedem kleinen Kratzer gleich zum Vertragshändler und lässt den Schaden reparieren, nein, erst wenn das Auto nicht mehr das tut, wofür es gemacht wurde, nämlich fahren, dann geht es zur Reparatur. Diese Lebensart bestimmt auch den Automarkt, fast kaum sind in Spanien vernünftige und halbwegs neue Gebrauchtwagen zu bekommen, denn das Auto wird hier gefahren, bis nichts mehr funktioniert! Erst dann wird in einen Neuwagen investiert. Den Wahn möglichst alle 2-3 Jahre ein neues Auto zu kaufen, wie er in Deutschland größtenteils vorherrscht, gibt es hier nicht.

Das Auto ist der Deutschen ihr liebstes Kind. Es wird gehegt und gepflegt. Jeder kleine Kratzer von anderen wird mit Gericht und Versicherung bestraft. Hier in Spanien sieht man das nicht so eng. Kratzer sind normal und kleine Beulen auch. Es wird darüber hinweg gesehen. Es bleibt einem auch gar nichts anderes übrig, denn bei so vielen Autos (in den kleinen, engen, meist mehrere Jahrhunderte alten Straßen) gibt es eben nicht viel Platz zum Parken oder Rangieren. Deutschland dagegen hatte das "Glück" nach dem 2. Weltkrieg die Stadtplanung an die neuen Gegebenheiten - den Siegeszug des Autos - anzupassen, in Spanien gab es diese Gelegenheit nicht.

Parkplätze sind kostbar und Tiefgaragen teuer. Gar nicht so selten, nach stundenlanger Parkplatzsuche und anschießendem Einkauf kommt man wieder zu seinem Auto zurück und findet es vollkommen zugeparkt vor (siehe Bild). Da bleibt meist nichts anderes übrig als zu hoffen, dass der andere Verkehrsteilnehmer nicht die Handbremse angezogen hat. Ansonsten hilft nur noch das hier oft zu sehende Ritual des Ausparkens: Bumm vorne, bumm hinten und dann raus. Böse Zungen behaupten, dass alle spanischen Autos zwar einen eingebauten "Park-Assistenten" besitzen, der hier allerdings anders klingt als in Deutschland, nämlich: *krach*. Man muss sich halt nur daran gewöhnen...

Freitag, 16. Juli 2010

Aus aktuellem Anlass: Spanien macht Fiesta dank Iniesta


Endlich Weltmeister! Spanien ist begeistert! Hier verkaufen sich die T-Shirts der Selección (jetzt mit dem Stern drauf) wie warme Semmeln. In der Schweiz dagegen gibt's regen Absatz von T-Shirts mit der Aufschrift "Weltmeisterbesieger" und "Weltmeisterbezwinger". Immerhin waren sie die einzigen, die Spanien in der Endrunde de WM besiegen konnten.

Und in aller Munde ist die Legende vom Pulpo Paul, denn ohne Paul hätten es die Spanier ja wohl nicht geschafft. Am Tag nach dem gewonnenen Endspiel, beim großen Empfang und der anschließenden Siegesparade in Madrid war er immer mit dabei. Sein Bild wurde von den Spielern auf dem Triumphwagen immer wieder in die Menge gezeigt und dabei Beschwörungsformeln geflüstert. Rufe wurden laut nun doch endlich Paul zum Spanier zu machen und in sein Heimatland zu überführen, aber leider wird nun wohl doch nichts daraus. Wie die spanische Presse mitteilte, verbleibt Paul doch in Oberhausen, da eine Reise - in seinem Alter - wohl zu anstrengend für ihn wäre. Schade! Aber keine Sorge, für Ersatz ist gesorgt. In China und Indien explodiert zur Zeit gerade der Markt für Kuscheltiere im Oktopus-Look.

Freitag, 9. Juli 2010

Aus aktuellem Anlass: Spanien schlägt Deutschland und zieht ins Finale ein

Spanien schlägt Deutschland und steht Kopf. Ein ganzes Land feiert und ich mittendrin. Die Zeitungen überschlagen sich. Dankesgottesdienste und Messen zum Wohl von Pulpo Paul werden zelebriert, Wappen neu erfunden (siehe Bild) und Geschichte neu geschrieben. Jetzt, nach dem Sieg gegen Deutschland, sagen sie, kann uns niemand mehr aufhalten; der Titel ist unser!

Ich habe es dagegen nicht leicht. Seit 2 Tagen schon muss ich auf Arbeit alle Art von Sticheleien und Spott ertragen. Das ist nicht einfach. Allerdings muss man auch sagen, dass die Spanier sich im allgemeinen sehr fair verhalten. Hier wird eine "gute und starke" deutsche Mannschaft gelobt und über "ein vorgezogenes Endspiel" gesprochen. Ich denke, wir können stolz sein, denn die Spanier haben eine super starke Mannschaft und hatten trotzdem Respekt und auch Angst vor uns.

Eine tolle Geste: nach dem gemeinsam gesehenen Viertelfinale wurde mir ein T-Shirt der spanischen Nationalmannschaft überreicht, mit der Aufforderung, doch ab jetzt für die Spanier die Daumen zu drücken.

Also, los geht's Spanien! Haut die Holländer weg! Que viva España! A por ellos!