
In Spanien zu den
Fiestas herrscht Ausnahmezustand. Im Prinzip kann man sich das als Deutscher, vor allem als Norddeutscher, gar nicht richtig vorstellen, was da so abgeht. Vielleicht ist das am ehesten noch mit dem Oktoberfest oder Fasching in Mainz und Köln vergleichbar, aber "hoch 3".
Hier hat jedes kleine Dorf seine eigenen
Fiestas. Die sind im Haushaltsplan der Dorfverwaltung fest mit eingeplant. Egal ob Krise oder nicht,
Fiestas sind nun mal
Fiestas und die sind heilig.
Nehmen wir mal zum Beispiel, die
Fiestas del Pilar. Ich lebe ja in Zaragoza und kenne daher also am besten die Feierlichkeiten hier in der Hauptstadt von Aragón. Der traditionelle Zeitraum für diese
Fiestas zu Ehren der Jungfrau Maria, ist Anfang bis Mitte Oktober. Sie dauern immer neun Tage; eine Woche mit zwei Wochenenden. Innerhalb dieser Zeit ist immer was los, Tag und Nacht. Wer genug Aufputschmittel und Lust hat, kann hier neun Tage lang durchfeiern. Vor allem junge Leute legen dabei eine Energie an den Tag, das kann man sich nicht vorstellen.
Alles beginnt mit dem
chupinazo - dem Start der Feierlichkeiten. Der findet ganz offiziell auf der
Plaza del Pilar, vor der Kathedrale und dem Rathaus statt. Mehrere tausend (meist junge) Menschen tanzen dabei ausgelassen, trinken und begießen sich mit Wein, bis der Bürgermeister die
Fiestas für eröffnet erklärt.
Danach wiederholt sich 9 Tage lang fast immer das gleiche: Partys, Konzerte, Stierkämpfe,
vaquillas, Essen, Trinken, Feuerwerk, aber auch
jotas (Traditionelle Tänze),
ofrenda de flores und kirchliche Messen. 24 h lang. Wenn ich morgens früh um 6:45 Uhr mit dem Bus zur Arbeit fahre, ist er knacke-dicke voll mit zwei verschiedenen Gruppen, die, die von den
Fiestas nach Hause fahren und die, die wieder zu den
Fiestas fahren. Die wenigsten fahren zur Arbeit. 70% der
maños (Zaragozaner) nehmen sich für diese Zeit Urlaub. Der Rest fährt zwar zur Arbeit, kann aber nichts oder kaum was tun, weil im Prinzip in dieser Zeit alles still steht.
Zur besseren Organisation der
Fiestas haben sich viele Menschen in sogenannten
Peñas zusammengeschlossen.
Peñas sind private Vereine, die sich das ganze Jahr über treffen, um Veranstaltungen für die Zeit der
Fiestas zu planen. Sie sind am ehesten noch mit den Karnevalsvereinen in Deutschland zu vergleichen. Partys werden organisiert, Restaurants gebucht. Geld spielt keine Rolle. Regelmäßig steigen zu den
Fiestas die Preise, aber das schreckt die Menschen hier nicht davon ab einmal im Jahr so richtig ausgelassen zu feiern.
Die andere, negative Seite der Medaille soll hier aber ebenfalls nicht unerwähnt bleiben: die
Fiestas del Pilar bedeuten auch regelmäßig Erkältungen und Grippe wohin man sieht, da traditionell zu dieser Zeit das Wetter hier schlagartig wechselt und den kommenden Winter ankündigt. Die Umstellung von T-Shirt auf Winterjacke bekommt nicht jeder sofort mit, dafür sorgt schon der übermäßige Alkoholgenuss.
¡Viva las Fiestas del Pilar!Zusatz: Natürlich hat das alles einen kirchlichen Ursprung. Jedes kleine Dorf hat in Spanien seinen eigenen Dorfheiligen und wenn der Namenstag hat, denn wird gefeiert. Am beliebtesten ist im katholischen Spanien natürlich die Jungfrau Maria in allen ihren Ausprägungen. Zu Maria-Himmelfahrt (15.8.) ist hier die Hölle los. Alle feiern. Ist natürlich auch offizieller Nationalfeiertag. Auch die
Virgen del Pilar (die Jungfrau von Zaragoza - Maria-Pilar) liegt einer wundersamen Marien-Erscheinung zugrunde. Auf einem
pilar, zu deutsch Pfeiler, da wurde sie nämlich vor einigen Jahrhunderten gesichtet und darauf hin wurde an dieser Stelle eine Kathedrale erbaut, die noch heute einer der wichtigsten Wallfahrtorte in Spanien ist, natürlich nach
Santiago de Compostella (Stichwort Jakobsweg, der auch an Zaragoza vorbeiführt). Wer nach Santiago pilgert, der macht selbstverständlich auch halt in Zaragoza.